Alice Weidel (AfD) sei „nur die prominenteste zahlreicher in der und für die AfD engagierter Homosexueller“, schallt es heute beim rechtsgerichteten „The Eurpoean“ von Berlin-Schöneberg in die Welt. Für den berühmt-berüchtigten Rechtskatholiken David Berger ist die AfD sogar die einzige unter allen zur Bundestagswahl antretenden großen Parteien, die die wirklichen Sorgen und Probleme Homosexueller ernst nehme. Ernsthaft?

Die Sorgen von LGBTIQ* im Jahr 2017

Sorgen könnten Homosexuelle auch im Jahr 2017 noch eine Menge haben:

  • So ist 20 Jahre nach dem ersten Gesetzentwurf für die Gleichstellung von Schwulen und Lesben im Eherecht diese zwar nun endlich beschlossen, in Kraft tritt das Gesetz allerdings erst am 1. Oktober. Rechtskonservative hoffen noch immer auf eine Normenkontrollklage aus Bayern, um die Gleichstellung, hinter der inzwischen 80 % der Deutschen stehen, womöglich doch noch zu kippen.
  • Auch über die Rehabilitierung der nach § 175 verurteilten schwulen Männer wurde bis 2017 diskutiert, um diese nun endlich zu beschließen. Viele der wegen ihrer Homosexualität Verurteilten werden davon also nichts mehr haben, weil sie nicht mehr leben.
  • Dass Diskriminierung von LGBTIQ*-Personen im Schulunterricht thematisiert und die Akzeptanz von ihnen als gleichwertige Menschen gefördert wird, ist nach wie vor nicht in allen Bundesländern selbstverständlich.
  • Noch immer beklagen 80 % der schwulen und lesbischen Jugendlichen, unter Schikanen oder Gewalt zu leiden, was auch zu einer bis zu 7 Mal höheren Suizidrate beiträgt.
  • Etwa die Hälfte aller Schwulen und Lesben leiden nach wie vor regelmäßig unter Diskriminierung, so eine Umfrage der EU-Grundrechteagentur. 75 % aller schwulen Männer trauen sich deshalb nach wie vor nicht, nur mal öffentlich die Hand ihres Partners zu halten.
  • Trans-Menschen hoffen noch immer auf Verbesserungen beim antiquierten Transsexuellengesetz.
  • Intersexuelle hoffen noch immer darauf, davor geschützt zu werden, dass ihre Körper nicht ungefragt verstümmelt werden.
  • Die Zahl der Hassverbrechen gegen LGBTIQ*-Personen nimmt in Deutschland seit Jahren dramatisch zu.
  • LGBTIQ*-Geflüchtete können sich nach wie vor nicht sicher sein, dass ihr Asylantrag in Deutschland Aussicht auf Erfolg hat. Immer wieder heißt es vom BAMF, dass die Antragsteller ihre sexuelle Identität ja nur verstecken müssten und alles sei gut.

Und das sind nur einige Beispiele.

Die Sorge von David Berger

Doch das alles sind nicht die wahren Sorgen der Schwulen und Lesben aus Sicht von David Berger, sondern die sollen sich, wie wenig überraschend, vor allem um den Islam drehen.

Die AfD nimmt die Sorgen von LGBTIQ*-Personen ernst?

Wenn es um das Thema Geschlechtergerechtigkeit geht, hört man von der AfD so allerhand. Dass sie die Sorgen der von Diskriminierung Betroffenen allerdings ernst nehmen und daran etwas ändern wolle, danach sieht es leider ganz und gar nicht aus. Die AfD spricht bei Bestrebungen, hier eine Verbesserung zu erreichen, hingegen von „Wahn“, „Irrsinn“ oder auch mal „Dummquatsch“.

Was tun Alice Weidel und die AfD gegen Homo- und Transphobie?

Die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel ist Mitglied einer Partei, die den Abbau der Diskriminierung von Schwulen und Lesben an Schulen – Hand in Hand mit christlichen Fundamentalisten – in die Nähe von Pädophilie, Pornographie und Kindesmissbrauch rückt (Quelle). Von der „Schändung von Kinderseelen“ (Quelle) war da gar schon die Rede. Die AfD ist gegen die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben im Eherecht (Quelle). Die AfD hat die Rehabilitierung der wegen Homosexualität verurteilten Männer nach dem aus der Nazi-Zeit beibehaltenen § 175 auf das Schärfste kritisiert und als „Schande“ bezeichnet (Quelle). Politische Korrektheit – und damit wohl auch den Anstand gegenüber Minderheiten – will die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel „auf den Müllhaufen der Geschichte“ werfen (Quelle), während Weidel kurz nach dieser Forderung sogar ein Satire-Magazin verklagt hat, das mit einem Augenzwinkern gezeigt hat, was das im Bezug auf Weidel bedeuten könnte (Quelle). Auch die Sichtbarkeit von Schwulen und Lesben im Fernsehen will die AfD möglichst einschränken oder unterbinden, weil die AfD befürchtet, dass Schwule und Lesben damit „zum Standard“ erhoben würden (Quelle). Die stellvertretende Bundesvorsitzende der AfD, Beatrix von Storch, nennt den Einsatz für die Belange von Schwulen und Lesben „Dummquatsch“, den für Trans-Menschen „plemplem“ (Quelle). Sogar Haftstrafen für Schwule und Lesben wurden von der AfD in Sachsen-Anhalt bereits gefordert (Quelle).

Homosexuell = nicht homophob?

Alice Weidel ist bekanntermaßen selbst lesbisch und an der Spitze einer Partei, die in jeglicher Hinsicht an der Diskriminierung, Abwertung, Ausgrenzung und Entwürdigung von Schwulen und Lesben festhalten will, was vor allem dafür ein Beleg dafür ist, dass die sexuelle Identität eines Menschen alleine noch keine Rückschlüsse auf seine politische Einstellung zulässt, obwohl er es eigentlich besser wissen müsste.

Warum soll die AfD Schwule und Lesben in Deutschland vor dem Islam schützen?

Seit Jahrzehnten leben etwa 5 Prozent Muslime völlig friedlich in Deutschland. Das schätzungsweise eine Prozent mehr soll jetzt also eine Bedrohung darstellen, dass beinahe schon morgen mit den ersten staatlichen Hinrichtungen von Schwulen in Deutschland zu rechnen sein soll? Wer glaubt so etwas wirklich? Und warum stellen diejenigen, die diesen Eindruck erwecken wollen, unseren demokratischen Rechtsstaat damit immer als erste in Frage?

Die Behauptung, Schwule und Lesben in Deutschland müssten von der AfD vor dem Islam geschützt werden, ist da doch reichlich verwunderlich und nichts weiter als ein billiger Versuch, zwei Gruppen gegeneinander auszuspielen, denn auch hier sieht die Realität anders aus als die AfD das gerne darstellt:

Das Ergebnis einer Kleinen Anfrage der AfD in Sachsen-Anhalt lautet, dass praktisch alle Hassverbrechen gegen Schwule und Lesben nicht etwa von Muslimen ausgehen, sondern von rechten Tätern (Quelle). Die Täter gehören mehrheitlich also einem Milieu an, das an einem guten Abschneiden der AfD bei der Bundestagswahl ein besonders großes Interesse haben dürfte. Klar, dass die AfD darüber kein Wort verliert und sich lieber weiter zu Unrecht als Beschützerin von Schwulen und Lesben zu inszenieren versucht – gegen eine Bedrohung, die es in dem Ausmaß, wie sie die AfD darstellt, schlicht nicht gibt.

Durchschaubares Manöver

Dass so ein Artikel ausgerechnet von dem permanent nach Aufmerksamkeit gierenden Rechtskatholiken David Berger kommt, der sich erkennbar schon länger für Alice Weidel begeistern kann und den Einsatz für LGBTIQ*-Rechte ebenfalls permanent angreift und damit auch christlichen Fundamentalisten in die Arme spielt, ist ebenso durchschaubar. Wer als Schwuler oder als Lesbe für die AfD stimmt, stimmt damit für seine eigene Diskriminierung, Abwertung und Ausgrenzung – und mit der Forderung nach Haftstrafen unlängst und dem guten Draht zu religiösen Fundamentalisten – möglicherweise sogar für seine Verfolgung. Gerade für Schwule und Lesben sollte die AfD bei der Bundestagswahl aus meiner Sicht deshalb keine „Alternative“ sein.

Facebook-Beitrag mit allen Kommentaren gelöscht

Der Artikel von David Berger wurde von „The European“ heute Morgen auch bei Facebook geteilt – und wenige Stunden später wieder gelöscht. Die Kommentare, die bis dahin abgegeben wurden, waren bis auf wenige Ausnahmen fundiert und kritisch. Das war wohl zu viel für das rechtsgerichtete Medium.

Mehr Informationen zum Thema? Like jetzt unsere Facebook-Seite Besorgte Homos.

Kategorien: Allgemein

besorgter

Christian Maluck ist 1973 geboren und verfolgt das Treiben von „besorgten Eltern“ seit dem Jahr 2015. In dieser Zeit hat er sich intensiv mit Bildungsplänen, Bildungspolitik, Sexualpädagogik und Gender Studies und Gender Mainstreaming auseinandergesetzt und wirkt seitdem auch an der Facebook-Seite „Besorgte Homos“ mit (www.facebook.com/besorgte). Aufgrund eigener Diskriminierungserfahrung an der Schule liegen ihm diese Themen besonders am Herzen. Mit LGBTIQ*-Politik beschäftigt sich Christian Maluck bereits seit dem Jahr 2000. Unter anderem war er 12 Jahre ehrenamtlich beim schwul-lesbischen Magazin Uferlos bei Radio LORA München 92,4 engagiert.

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