Warum der Evolutionsbiologe Prof. Kutschera sich bei dieser Behauptung nicht auf die Wissenschaft berufen kann und am Ende nur übrig bleibt: Ich kenne es nur so und so soll es bleiben …. Von Dr. Sven Paßmann.

Blogs sind etwas, was ich noch nicht wirklich für mich entdeckt habe. Ich lese ab und zu mal einen, aber regelmäßig ist etwas anderes. Und dann passiert es mitunter, dass da ein sehr starkes Gefühl ist, die eigenen Gedanken in Worte zu fassen. Und dann fängt man sogar an, einen Blog zu schreiben.

Vor allem wenn man Fragen hat. Und diese nie beantwortet werden. Weil das Gespräch abrupt endet. Oder weil plötzlich ein neues Thema aufgemacht wird – zumindest wirkt es so. Und ganz besonders auffällig wird es, wenn man an einem Punkt im Gespräch angekommen ist, wo die Beantwortung dieser Frage das Gespräch entscheiden würde.

Der Kampf um Argumente

Entscheidung – dieses Wort weckt Erinnerungen an einen Kampf, der entschieden werden muss. Und oftmals fühlt es sich auch so an wie ein Kampf. Ein Kampf um Argumente. Und diese entscheidende Frage – so scheint es – entscheidet diesen Kampf. Und ebenfalls gerade weil es nach dieser Frage immer zu einem abrupten Ende der Diskussion kommt oder einem Wechsel, beschleicht mich das Gefühl, wenn man ahnt: hier wird der Kampf entschieden – und zwar nicht für denjenigen, der die Diskussion an dieser Stelle abbricht.

Foto: Pixabay

Eine dieser Art Fragen ist: Was ist das Essentielle an einem Vater und einer Mutter, dass nur diese Kombination eine erfolgreiche Erziehung von Kindern garantiert?

Dem vorausgegangen ist zumeist ein Austausch von Argumenten wie: das war schon immer so, die Natur hat das so eingerichtet, Vorbildfunktion, nur Frauen und Männer können zusammen Kinder haben usw.. Doch seien wir ehrlich: Keine dieser Antworten ist befriedigend. Zu all diesen Antworten gibt es Gegenbeispiele – und das alleine schon auf heterosexueller Seite. Und nicht zuletzt das Naturargument stellt sich als das problematischste von allen heraus – denn die Natur hatte offensichtlich kein Problem damit, Homosexualität entstehen zu lassen und ihr – so scheint es – sogar eine evolutionär sinnvolle Funktion zu geben (Quelle).

Homophobie und die Rassentrennung

Und wie es schon die Rassisten in den USA zu Zeiten der Rassentrennung oder die Nazis im dritten Reich taten, so wird auch hier versucht eine Wissenschaft zu etablieren, die Argumente für die Gegner homosexueller Elternschaften finden soll.

Doch zum Glück liegt der Fall hier komplizierter: Die Menge des Wissens ist seitdem exponentiell gestiegen (Quelle), Langzeitstudien längst etabliert (Quelle 1; Quelle 2; Quelle 3) und die Menge der Studien, die keinen Unterschied zwischen hetero- und homosexuellen Elternschaften finden konnten, übertreffen in der Anzahl und Aussage die gegenteiligen Befunde bei weitem (Quelle).

Die vermeintliche Unfehlbarkeit von Professoren

Aber das heißt nicht, dass dies jeder so annehmen will. Und wenn man sogar Professoren in seinen Reihen weiß, wähnt man sich wohl sicher, unangreifbar in seinen Forderungen zu sein – denn hey, es ist ein Professor, der muss es ja schließlich wissen. Wie sehr man sich da selbst betrügt, hätte man eigentlich schon bei Prof. Winterhoff ahnen müssen. Nicht nur, dass er wesentliche Urteilssprüche zu seinem referierten Thema weitgehend unbeachtet lässt. Nein, seine Prämisse ist auch noch gänzlich falsch, was sein ganzes Gutachten, erstellt für den Verein „Echte Toleranz  e.V.“ [sic!], noch bevor es Wirkung erzielen kann, hinfällig macht. Über dieses Gutachten und dessen Aussage, Bildungspläne zur Förderung der Akzeptanz von Vielfalt seien verfassungswidrig, wurde schon an anderer Stelle kommentiert.

Wissenschaft und die Anerkennung menschlicher Vielfalt

Seit einiger Zeit gibt es noch einen weiteren Protagonisten, der für die Gegner menschlicher Vielfalt im Einsatz ist: Prof. Dr. Ulrich Kutschera, seines Zeichens Inhaber der Professur für Pflanzenphysiologie inkl. Lehrbereich Evolutionsbiologie. Herr Kutschera äußerte sich bereits mehrmals zu dem Thema Eheöffnung – und das keineswegs positiv. Das wäre insoweit nicht weiter dramatisch, wenn seine Argumente stichhaltig wären. Das sind sie aber nicht. Verwunderlich möchte man meinen, im Angesicht eines Professorentitels. Hach, wenn es nur das wäre. Und auch hier– wie so oft – zeigt sich als letztes verbleibendes Strohhalm-Argument heraus: Ich kenne es nur so und so soll es bleiben …

Hier meldet sich also ein Professor zu Wort. Ein Mensch, der gelernt hat, Literatur zu wälzen, für und wider seiner Thesen und Befunde gegenüberzustellen und stichhaltig zu begründen. Umso stärker das Entsetzen, wenn man mit ansehen muss, dass bei den Äußerungen von Herrn Kutschera zu diesem Thema die damit gemeinte „scientific integrity“ (gute wissenschaftliche Praxis: die qualifizierte, akribische und objektive Suche nach Wahrheit in einer Atmosphäre gewissenhaftester Ehrlichkeit) sich nicht ansatzweise erkennen lässt.

Was sagt uns das über uns Wissenschaftler aus? 

Was sagt uns das über unsere Glaubwürdigkeit gegenüber der Bevölkerung aus?

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Die katholische Zeitung „Die Tagespost“ (Quelle) hatte mit Bezug auf Kutschera u.a. behauptet, es gäbe ein höheres Missbrauchsrisiko bei Homosexuellen gegenüber Kindern – was als einer der Hauptbelege für Kutscheras Nein zur Eheöffnung für Schwule und Lesben angeführt wurde. Auf Anfrage der Blu-Mediengruppe bei „Die Tagespost“, worauf sich denn diese Behauptung stützt, werden mehrere Studien genannt, die dies bestätigen sollen.

Angebliche Studie ist keine

In der Antwort der Zeitung wird eine Studie dann tatsächlich nicht etwas als Studie eingeordnet, sondern als Beitrag in einem Ärzteblatt richtig gestellt (Quelle) und folgerichtig als Fehler Kutscheras bezeichnet – etwas, was auf dem Niveau eines Professors zunächst einmal nicht passieren kann und darf. Gleichzeitig wird in diesem Beitrag auf 19 Einzelstudien verwiesen, die aber nicht verlinkt sind und auch dies ficht Herrn Kutschera nicht an – obwohl er diese 19 Studien nicht mal prüfen konnte. Hier versagt er abermals in den Prinzipien guter wissenschaftlicher Praxis.

Des Weiteren wird eine doch recht Aufsehen erregende Studie von Mark Regnerus aus dem Jahr 2012 angeführt. Eine Studie die bis heute als Beleg für oben genannte Behauptungen dienen soll und auch reichlich oft angeführt wird. Doch auch hier wird Herr Kutschera seiner Rolle als Professor nicht gerecht. Sich ausruhend auf den angeblichen 19 Studien reicht es ihm dann wohl, sich auf diese eine Studie noch final zu beziehen (die übrigens auch eine Folgestudie hatte). Und auch hier versagt er wiederum in guter wissenschaftlicher Praxis: er „vergisst“ zu erwähnen, dass sich diese Studie (und die Nachfolgestudie) massiver Kritik gegenüber gestellt sah (Quelle 1; Quelle 2). Ebenfalls unerwähnt bleibt folgender Satz von Mark Regnerus selbst: „I am thus not suggesting that growing up with a lesbian mother or gay father causes suboptimal outcomes because of the sexual orientation or sexual behavior of the parent.” („Ich behaupte also nicht, dass das Aufwachsen mit einer lesbischen Mutter oder einem schwulen Vater aufgrund der sexuellen Orientierung oder des sexuellen Verhaltens der Eltern zu suboptimalen Ergebnissen führt.”)

Ähnliches behauptete Prof. Kutschera auch schon auf kath.net (Quelle) und führte zu seiner Unterstützung des ebenfalls dort angeführten Beitrags aus besagtem Ärzteblatt zwei Monographien eines Arztes auf, der seit mehr als 30 Jahren sexuell missbrauchte Kinder betreut. Nicht dass wir uns falsch verstehen – JEDER Missbrauch ist einer zu viel. Aber hier zählt nicht die Menge oder die Wahrscheinlichkeit. Denn dann dürften Heterosexuelle auch nie Kinder adoptieren oder überhaupt welche bekommen – sie stellen immer noch die größte Gruppe derer, die Kinder missbrauchen. Es ist richtig, dass etwas angesprochen werden muss, was existiert – aber sich daraus ein Argument zu stricken, Homosexuellen die Adoption zu verwehren ist absurd.

Andere Studien nicht berücksichtigt

Was aber noch viel schwerer wiegt ist – und hier gibt es keine Entschuldigung –, dass er sämtliche Studien ignoriert, die eben diese seine Behauptung nicht unterstützen (Quelle), sondern ebenfalls massiv in Frage stellen.

Was bleibt dann noch übrig, wenn das schlimmste, was man einem Kind antun kann, als Argument nichts taugt, weil es sich partout in nicht nutzbaren Rahmen finden lässt. Man versteift sich auf die Jahrtausende alte Tradition: Mann und Frau bekommen Kinder, also müssen sie ja wohl auch irgendwie damit zu tun haben, dass nur sie die Kinder richtig erziehen können.

Denn dann bekommt man nämlich zu hören, dass Männer und Frauen ihre ganz eigene, geschlechtsspezifische Weise zu erziehen haben. Doch auch hier – wie so oft – merkt man ziemlich schnell, dass diese Behauptung nicht zu Ende gedacht wurde. Gehen wir davon aus, die Behauptung wäre korrekt: Warum dann Erziehung, wenn die geschlechtsspezifische Weise angeboren ist? Was soll ein Vater und eine Mutter dann noch dem Kind beibringen, was früher oder später nicht eh zum Vorschein kommt?

Foto: Pixabay

Biologie vs. Persönlichkeit

Naja, es gäbe ja speziell Themen, die Mädchen und Jungen nur bestimmte Elternteile fragen (Jungs fragen Papa, Mädchen fragen Mama) – wer jetzt lacht, versteht wohl eher noch als die Behaupter, wie wenig das der Wirklichkeit entsprechen muss. Zu sehr hängt das von der Persönlichkeit der Eltern ab, inwiefern sie zu bestimmten Themen als Ansprechpartner taugen. Zu sehr halten sich mitunter Elternteile aus der Erziehung raus – sei es durch Nannys, durch Schichtarbeit usw.. Zu sehr versagen die eigentlich gedachten Elternteile in der Verantwortung, den ihnen oben genannte Behaupter zuweisen. Somit ist auch dieser Punkt nicht geschlechtsspezifisch belegt.

Ganz im Gegenteil – und mehr noch, verlangt es doch in der Konsequenz einen Fähigkeitsnachweis, dass man dieser Verantwortung (also der von den Behauptern gedachten natürlich nur) gerecht wird. Und was, wenn nicht? Erzieht man dann sein Kind nicht richtig? Ist man dann die berühmte Ausnahme von der Norm? Also warum geht nur Vater und Mutter zusammen, wenn die Rollen gerne auch mal wechseln?

Na, weil … Und hier kommt man dann ganz spitzfindig darauf: Es sind die Unterschiede der beiden Geschlechter, die sich ganz spezifisch in Art und Weise des Verhaltens ausdrücken. Nebulöser geht es kaum. Beim Nachhaken merkt man leider ziemlich schnell: Es geht um die verschiedenen Persönlichkeiten. Die man selbstredend als homosexuelles Pärchen nicht haben kann – denn sonst, ja sonst, … nun ja, ist halt so.

Und weiter?

Sie merken, spätestens hier bricht das Gespräch ab – wohl aus oben genannten Gründen. So scheint es mir. Als aufmerksamer Leser und Mitdenker dürfte Ihnen wohl auch klar sein: Auch der Teil mit der Persönlichkeit läuft – zu Ende gedacht – auf einen Nachweis hinaus, dass man die Persönlichkeiten in die Erziehung mit reinbringt, die die Behaupter im Sinn haben. Damit irgendeine ihrer Behauptungen auch nur im Ansatz einen Sinn ergeben können.

Schließe ich meinen kleinen Monolog mit der Wiederholung des Titels:

Ich kenne es nur so und so soll es bleiben …

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