Denken erwünscht? Aber ja! Eine Replik auf ein „Gastspiel“ von Hedwig von Beverfoerde im Blog von Klaus Kelle. Von Viktor Lehmann.

Sie hat es mal wieder getan. Im Kelle-Blog, dessen Untertitel die Worte „Bahn frei für gesunden Menschenverstand“ mit sich führt, hat Hedwig Beverfoerde erneut bewiesen, dass es damit – dem gesunden Menschenverstand – aber nicht weit her ist, sind doch weite Teile ihrer Prämissen und Schlussfolgerungen falsch – was sie zum Teil sogar durch ihre eigene Argumentation beweist.

Gastspiel Hedwig von Beverfoerde: Geliehene Bäuche und gekaufte Kinder
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Aber: der Reihe nach.

Kind um jeden Preis? Nein!

Zuerst behauptet von Beverfoerde, „Leute (fordern) lauthals (…) ein Recht auf ein Kind um jeden Preis“. Das ist falsch. Diese Forderung wird von niemandem erhoben. Es gibt allerdings viele Menschen und/oder Paare (gleich welcher sexuellen Ausrichtung), die einen unbändigen Wunsch auf ein Kind haben. Sie fordern aber kein RECHT auf ein Kind – und mißachten damit auch nicht den Wert des menschlichen Lebens; denn wenn ein (heterosexuelles) Paar um jeden Preis versucht, ein menschliches Leben zu zeugen, so hat dies auch nichts mit Missachtung des Lebens zu tun.

Hedwig von Beverfoerde (Foto: Christian Maluck)

Die Mär vom „Lifestyle-Kind“

Im nächsten Schritt sagt sie uns, was Kinder durch all das nicht mehr sind; sie sind „nicht mehr die wunderbare Frucht der gegenseitigen Liebe von Mann und Frau“. Nun, das sind Kinder oft, aber nicht immer, und historisch gesehen waren sie das ohnehin eher selten. Die Umstände und Intentionen der Zeugung machen ein Kind nicht mehr oder weniger wertvoll, und sie sagen auch nichts darüber aus, wie sehr oder nicht das Kind von den Eltern, die sich um sein Aufwachsen kümmern, geliebt wird. In den Augen Beverfoerdes treffen Menschen heutzutage aber verdammenswerte „Lifestyle“-Entscheidungen – scheinbar hat niemand das Recht, eine eigene den Lebensumständen angepasste Familienplanung zu machen. Es unterstellt potentiellen Eltern, sie würden Kinder zeugungsabhängig wie Möbel betrachten und nicht als Lebewesen oder Familie. Das ist niederträchtig und unangebracht.

Besonders dämonisch sind wohl jene Menschen, die ein Kind „künstlich“ erzeugen – ihnen wird gleich mit unterstellt, „man“ will auch über Aussehen und Charakter des Kindes mitentscheiden. Nein, will „man“ in aller Regel nicht.

Nun kann man über die Reproduktionsmedizin, über die sie im folgenden referiert, stets vortrefflich streiten und geteilter Meinung sein, aber: sie „schafft Möglichkeiten, die kaum ein Science-Fiction-Autor je zu träumen gewagt hätte“? Ehrlich? Dann hat Frau Beverfoerde noch nie oder schon lange keine Science Fiction mehr gelesen oder gesehen. Ein Großteil der Science Fiction-Szenarien beruht genau darauf und geht deutlich weiter. Warum? Weil der menschliche Geist zunächst Dinge vordenkt, die er sich vorstellen kann und für erreichbar hält, und die Realität dies oft einholt.

Image by cocoparisienne from Pixabay

(Un)Recht biologisch

Danach kommt wieder ein Schwenk samt Kritik zur geplanten Änderung des Abstammungsrechts, was wiederum mit den o. g. Themen so gut wie nichts zu tun hat, aber die Phrase „Auflösung biologischer und natürlicher Elternschaft“ lässt sich gut einbauen. Das Problem dabei: das Abstammungsrecht hat die biologische Elternschaft (des Vaters) noch nie wirklich interessiert, wurde doch jeder verheiratete Mann als „Vater“ eingetragen, ohne seine biologische Vaterschaft je nachgewiesen zu haben. Ja, oftmals war sogar offen klar, dass er nicht der Vater war, und dennoch wurde er aufgrund des Eherechts eingetragen.

Und so geht auch in der folgenden, pauschal als „menschenverachtend“ angeprangerten Betrachtung von Leihmutterschaft auch unter, dass schwierige und berechtigte Fragen zu diesem Thema eben nicht (von allem und jedem) ausgeblendet werden. Die Unterstellung, die Gesellschaft insgesamt führe diese Debatte nicht, nur weil Leihmutterschaft einigen Menschen (wenn auch teilweise auf zweifelhaftem Hintergrund) zu einem Kind „verhilft“, ist fruchtlos und falsch. Sie wird geführt, sie wird immer kontrovers sein und wird immer auch Selbstbestimmungsfragen von Frauen und ethische Fragen insgesamt berühren.

„Dammbruch“ in Bezug auf Menschenrechte

Mit vielen Hochkommas zur Relativierung der ihr ungeliebten Begriffe leitet der Gastbeitrag dann natürlich in das „Ehe für alle“-Bashing über; diese sei der „Dammbruch“. Wie Frau Beverfoerde selbst feststellt, wurde diese 2017 umgesetzt. Kurz danach zitiert sie einen Rechtsanwalt, der seit „fünf Jahren über ein Drittel mehr Anfragen von Paaren (zur Adoption von Kindern aus einer Leihmutterschaft)“ erhalten hat. Nun, das würde erhöhte Anfragen seit 2014 bedeuten und damit 3 Jahre vor der Ehe für alle, die damit nicht der angesprochene „Dammbruch“ sein kann. Nicht weiter verwunderlich – ist doch Adoption auch für homosexuelle Menschen/Paare schon seit langem möglich, wenn bis vor kurzem auch etwas umständlich über Sukzessivadoption.

Phantomdiskussion über Leihmutterschaft in Deutschland

Abschließend stellt sie die Frage, ob man dem allem tatenlos zusehen müsse – und die Lösung lautet: nein, man müsse den Bundestag aktivieren, der die Gesetze mache (nun, ja, halbrichtig – je nach Gesetz sind auch noch andere Gremien involviert). Gerade bei Leihmutterschaft sei dies wichtig. Nun ist Leihmutterschaft in Deutschland ja aber verboten, und Frau Beverfoerde vermag nur die FDP als Partei zu benennen, die sich für eine Legalisierung der Leihmutterschaft einsetze. Und die FDP dürfte derzeit wohl kaum für einschneidende Gesetzesänderungen in diesem Bereich sorgen können. Also ist auch die „aufrüttelnde“ Dokumentation der „Demo für Alle“ zu diesem Thema rausgeschmissenes Geld, da sie bestimmt nicht dazu führt, ein Gesetz zu verhindern, das gar nicht Teil der aktuellen Diskussion ist. Die Diskussion ist nur postuliert und angezettelt von Frau Beverfoerde und ihren MitstreiterInnen.

Frage also: Wozu dann der ganze Aufriss?

Warum ständig Dinge in Zusammenhang setzen, die gar nicht zusammenhängen, und Dinge „bekämpfen“, die gar nicht akut sind, sondern als Pseudobedrohung aufgebaut werden?

Die Antwort ist erschreckend und vielschichtig gleichermaßen, wird aber mit Sicherheit kein Essay wert sein auf dem Portal, das „ein bisschen mehr Freiheit“ fordert und dabei doch nur die Freiheit anderer Menschen möglichst stark einschränken will – gleichwohl dies die eigene Freiheit nicht betrifft.

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viktorl

viktorl

Viktor Lehmann, Jahrgang 1967, ursprünglich Diplom-Sozialpädagoge, seit langem aber als Kreativer selbständig tätig. Will sein christlich geprägtes Menschenbild nicht verleugnen und ist dennoch für eine strikte Trennung von Staat und Kirche, zum Wohle aller Bürger.

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